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Warum retten wir Wale – aber essen am Kiosk Fischsemmel?

Warum retten wir Wale – Das Wichtigste in Kürze:

  • Wale und Fische sind beides Lebewesen mit nachweislich komplexen Gefühlen und sozialem Verhalten
  • Wissenschaftliche Studien belegen, dass auch Fische Schmerz empfinden und soziale Bindungen eingehen
  • Unsere Empathie für Tiere ist selektiv und wird durch Aussehen, Medienpräsenz und kulturelle Gewohnheiten gesteuert
  • Die Oberpfalz und Weiden haben eine ausgeprägte Fischtradition – ein guter Anlass, darüber nachzudenken
  • Dieser Beitrag ist kein Angriff, sondern eine ehrliche Frage

Ein Walrettungsvideo geht viral. Hunderttausende Menschen tippen Herzen, teilen das Video, viele weinen sogar. Kurz darauf stehen dieselben Menschen am Kiosk und essen eine Fischsemmel. Oder bestellen Forelle im Restaurant. Oder kaufen Fischstäbchen im Supermarkt. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beobachtung, die viele von uns kennen, wenn wir ehrlich sind.

Warum retten wir Wale – aber essen am Kiosk Fischsemmel? Diese Frage hat keine einfache Antwort. Aber sie lohnt sich.



Was passiert, wenn ein Wal strandet?

Wenn irgendwo auf der Welt ein Wal strandet, dauert es oft keine Stunden, bis die ersten Videos in den sozialen Netzwerken kursieren. Menschen waten ins Wasser, übergießen den Wal mit Eimern, versuchen ihn zurück ins Meer zu schieben. Freiwillige melden sich aus dem ganzen Land. Medien berichten live. Die Anteilnahme ist riesig und sie ist echt.

Das ist etwas Schönes. Es zeigt, dass wir als Menschen in der Lage sind, Mitgefühl für ein anderes Lebewesen zu empfinden, auch für eines, das so ganz anders ist als wir. Niemand, der einem gestrandeten Wal hilft, macht etwas falsch. Die Frage, die sich aufdrängt, ist eine andere: Warum gilt dieses Mitgefühl nicht in gleichem Maß für andere Tiere?

Was wissen wir über das Gefühlsleben von Walen?

Wale gehören zu den Tieren, über deren Gefühlsleben wir am meisten wissen. Bei Walen sind kognitive Leistungen wie Selbstbewusstsein, Aufmerksamkeit, räumliche und zeitliche Orientierung sowie abstrakteres Denken am ausgeprägtesten unter allen Säugetieren. (PETA)

Besonders eindrücklich ist das Trauerverhalten. Wenn ein Artgenosse verstorben ist, berühren manche Wale das tote Tier vorsichtig mit den Flossen, schmiegen sich an und tragen es mit sich, teilweise bringen sie es sogar an die Wasseroberfläche. Je stärker die soziale Bindung zwischen Walen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Wale so verhalten. Orcas und Pottwale gehören zu den sechs Walarten, bei denen diese Zeichen von Trauer beobachtet werden konnten.

Wale leben in komplexen sozialen Strukturen, kommunizieren über weite Entfernungen, haben individuelle Persönlichkeiten und zeigen nachweislich altruistisches Verhalten. Das alles macht sie zu Tieren, mit denen wir uns leicht identifizieren können. Sie sind groß, beeindruckend, und ihr Verhalten erinnert uns an uns selbst.

Was wissen wir über das Gefühlsleben von Fischen?

Hier wird es interessant. Denn während wir relativ viel über Wale wissen und entsprechend fühlen, haben die meisten von uns ein ganz anderes Bild von Fischen. Kalt, stumm, ausdruckslos. Tiere, die einfach schwimmen und keine Gefühle haben.

Dieses Bild stimmt so nicht. Der Irrglaube, dass Fische keine Angst und Schmerzen empfinden würden, hielt sich relativ lange. Doch mittlerweile zeigen Studien und Videos, dass Fische enge Freundschaften schließen, Artgenossen in Not helfen, auch wenn sie dabei selbst in Gefahr sind, sich bei der gemeinsamen Jagd mittels Körpersprache absprechen, teils wochenlang neben ihrem Gelege sitzen, um ihren Nachwuchs zu schützen, und Jungtiere bei Gefahr in den Mund nehmen. 

Alle Wirbeltiere, also Säugetiere, Reptilien, Amphibien sowie auch Vögel und Fische, sind gleichermaßen dazu fähig, Einfühlsamkeit zu zeigen und soziale Beziehungen aufzubauen. (Tiko) Fische sind also keine gefühllosen Wesen, die man bedenkenlos aus dem Wasser zieht. Sie haben ein Nervensystem, sie empfinden Schmerz, sie zeigen Angst.

Das bedeutet nicht, dass jeder aufhören muss, Fisch zu essen. Aber es lohnt sich, dieses Wissen zur Kenntnis zu nehmen.

Warum fühlen wir mit manchen Tieren mehr als mit anderen?

Empathie ist selektiv und deshalb als moralische Einstellung problematisch. Auch in Bezug auf Tiere, denn sie ermöglicht eine Scheidung zwischen sympathischen Tieren und nicht sympathischen Tieren. (Goethe-Institut)

Das ist kein Fehler im System, es ist ein bekanntes psychologisches Phänomen. Der entscheidende Unterschied zwischen Wal und Fisch ist nicht die Intelligenz oder die Fähigkeit zu fühlen, sondern die Sichtbarkeit und das Narrativ. Der Wal hat ein virales Video, eine Geschichte, manchmal sogar einen Namen. Der Fisch taucht erst auf unserem Teller auf, der Weg dorthin bleibt unsichtbar. Was wir nicht sehen, müssen wir nicht verarbeiten. Was wir sehen, bewegt uns.

Wale sind riesig, majestätisch und ihre Sprünge sind beeindruckend. Ein Fisch im Netz ist klein, kalt und zappelt stumm. Das hat nichts damit zu tun, wie viel ein Tier fühlt. Es hat damit zu tun, wie gut wir uns vorstellen können, wie es sich anfühlt, dieses Tier zu sein. Sobald wir Tiere in eine Funktionskategorie fassen, entfernen wir uns von ihnen. Sie werden Mittel zu Zwecken, sind keine eigenständigen Wesen mehr.

Wir nennen das Tier im Meer „Wal“ und retten es. Wir nennen das Tier auf dem Teller „Fischsemmel“ und essen es. Sprache spielt dabei eine größere Rolle als wir denken.

Das Fleisch-Paradox: Wir wissen es, und essen trotzdem

Psychologen haben für dieses Phänomen einen Begriff: das Fleisch-Paradox. Auf der einen Seite essen die meisten von uns Fleisch, auf der anderen Seite empfinden wir Mitleid, wenn wir Bilder von überfüllten Schweinetransporten sehen, wo völlig erschöpfte Tiere beinahe sterben. Aber die wenigsten von uns haben diese Entscheidung jemals wirklich getroffen. Es wurde uns von klein auf so beigebracht, als selbstverständlicher Teil des Alltags, ohne dass wir es je hinterfragt haben. Fleisch essen war normal. Punkt. Und was normal ist, hinterfragt man nicht.

Das ist keine Frage der Moral, sondern der Gewohnheit, der Kultur und der Sichtbarkeit. Wir sehen den gestrandeten Wal im Video. Wir sehen nicht, was mit dem Fisch passiert, bevor er auf unserem Teller liegt. Diese Unsichtbarkeit macht es leichter, nicht darüber nachzudenken.

Interessant ist dabei, dass die Nähe zu Tieren allein offenbar nichts daran ändert. Wer einen Hund hat, liebt ihn wie ein Familienmitglied und bestellt trotzdem am Abend Fischfilet. Wer im Tierheim arbeitet, kämpft täglich für das Wohl von Tieren und isst am Vereinsfest Bratwurst. Das ist kein Widerspruch aus schlechtem Gewissen, sondern zeigt, wie tief die gedankliche Trennung sitzt: zwischen dem Tier, das ich kenne, und dem Tier, das auf meinem Teller liegt.

Die Fischtradition in der Oberpfalz und rund um Weiden

Weiden liegt an der Waldnaab, einem der fischreichsten Flüsse der Region. Die Waldnaab gilt als fischreich. Es kommen sämtliche wichtige mitteleuropäische Fischarten vor wie Aal, Äsche, Bachforelle, Hecht, Karpfen, Schleie, Wels und Zander. Angeln hat in der Oberpfalz eine lange Tradition, es gibt zahlreiche Angelvereine in und um Weiden, und die Fischsemmel am Kiosk ist ein fester Teil der regionalen Esskultur.

Das ist keine Kritik an dieser Tradition. Es ist der regionale Bezug zu der Frage, die dieser Artikel stellt. Denn genau hier, an der Waldnaab, direkt vor unserer Haustür, leben Fische, die laut aktueller Forschung Schmerz empfinden, soziale Bindungen eingehen und auf ihre Umgebung reagieren. Und gleichzeitig weinen viele von uns, wenn ein Wal strandet.

Das ist kein Widerspruch, der verurteilt werden muss. Es ist ein Widerspruch, über den es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Warum retten wir Wale

Was bedeutet das alles?

Dieser Artikel will aufklären. Die Frage, warum wir Wale retten aber Fischsemmeln essen, hat keine einfache Antwort, weil sie tief in unserer Kultur, unseren Gewohnheiten und unserer Psychologie verwurzelt ist. Aber Fragen stellen darf man. Und vielleicht ist das der erste Schritt.

Es lohnt sich, das eigene Handeln öfter zu hinterfragen. Was essen wir, warum essen wir es, und was wissen wir eigentlich über die Tiere, die dabei eine Rolle spielen? Die Forschung ist eindeutig: Fische empfinden Schmerz, sie gehen soziale Bindungen ein, sie schützen ihren Nachwuchs. Das sind keine Vermutungen, das sind wissenschaftlich belegte Fakten. Und gleichzeitig werden jedes Jahr Billionen von Fischen gefangen, oft unter Bedingungen, die niemand sehen möchte. Nicht weil wir böse Menschen sind. Sondern weil wir es nie wirklich hinterfragt haben. Genau das wäre ein Anfang.

FAQ: Häufige Fragen zum Thema „Warum retten wir Wale“

Empfinden Fische wirklich Schmerz? Ja, das ist wissenschaftlich belegt. Fische haben ein Nervensystem und Schmerzrezeptoren. Aktuelle Forschung zeigt, dass sie auf schmerzhafte Reize reagieren und Verhalten zeigen, das auf das Erleben von Schmerz hindeutet.

Sind Wale intelligenter als Fische? Wale zeigen ausgeprägtere kognitive Leistungen als Fische, aber das bedeutet nicht, dass Fische keine Gefühle haben. Auch Fische zeigen soziales Verhalten, helfen Artgenossen und schützen ihren Nachwuchs.

Warum fühlen wir mehr mit Walen als mit Fischen? Das liegt vor allem an der Sichtbarkeit, dem Aussehen und der medialen Präsenz. Wale sind groß, ausdrucksstark und werden oft in emotionalen Videos gezeigt. Fische sind klein, ihr Gesichtsausdruck ist für uns schwer zu lesen, und wir sehen sie hauptsächlich als Lebensmittel.

Muss ich jetzt aufhören, Fisch zu essen? Was wir essen, ist eine persönliche Entscheidung. Wen wir essen, ist eine andere Frage. Die Forschung zeigt klar, dass Fische fühlen, Schmerz empfinden und soziale Bindungen eingehen. Was jeder Einzelne daraus macht, liegt bei ihm. 

Fazit zu Warum retten wir Wale

Warum retten wir Wale – aber essen am Kiosk Fischsemmel? Weil unsere Empathie selektiv ist. Weil wir fühlen, was wir sehen. Weil Kultur und Gewohnheit stärker sind als abstrakte Informationen. Das macht uns nicht zu schlechten Menschen. Aber es macht uns zu Menschen, die manchmal innehalten und nachdenken dürfen.

Wer sich für das Wohlbefinden von Tieren interessiert, findet bei uns auch wichtige Infos dazu, was zu tun ist, wenn man Tiere bei Hitze im Auto entdeckt. Und wer seine Ernährung bewusster gestalten möchte, schaut gerne in unseren Beitrag zu den 10 besten Superfoods.

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